Überführung Bristol (UK) – Breskens (NL)

Nachdem unser 3. Crewmitglied am 28.8. früh morgens eingeschwebt kam, ging es am gleichen Tag 1,5 Stunden vor HW kurz vor Mittag los. Getankt hatten wir schon nach dem Probeschlag am Tag davor. Notfalls sollte die ganze Strecke unter Maschine gefahren werden, allerdings würde dafür der Diesel bei dem angekündigten Verbrauch von 5 (?) Litern/Stunde nicht reichen. Ich war etwas ungläubig hinsichtlich dem Verbrauch, den ein Schiff mit einem so hohen Verbrauch habe ich noch nie gefahren, aber das Datenblatt des Perkins-Motors lies zunächst nichts anderes erwarten.

Bristol hat einen Tidenhub von bis zu 12 m und entsprechend Strömungen im Bristol-Kanal. Mindestens die ersten 70 NM war mit sehr kräftigem Strom zu rechnen.
Der Plan nach intensiver Beratung mit den Locals („and when I tell you near the coastline I mean near the coastline“) war, zunächst gegen den einlaufenden Strom dicht unter Land zu fahren, bei Kenterung des Stromes im ablaufenden Wasser möglichst viel Strecke den Bristol-Kanal hinaus zu machen und bei Auflaufen der nächsten Flut wieder dicht unter Land haltend weiter zu fahren . Da wir ein recht günstiges Wetterfenster in Aussicht hatten und Nipp-Tide mit etwas verringerten Strömungen erwarteten, waren wir recht zuversichtlich.

Not macht erfinderisch

Raus aus der Schleuse in Portishead, links um die Ecke der Mole und sofort auf Kurs. Sogleich wird das Groß gesetzt und die Genua ausgerollt und es geht unter Segel flott dahin. 7 kn sind locker drin. Da wir vorsichtig sind, reizen wir die Möglichkeiten des Schiffes aber nicht aus.

Nach zwei Stunden gibt es eine lauten Knall, es dauert einen Moment bis klar wird, was passiert ist – der Kopf der Genua hat sich mal zwanglos vom Genuafall verabschiedet. Zunächst mal die Maschine an. Da es mit 16 bis 20 Knoten bläst, erwartet uns nun der Spaß, die Genua zu bergen und abzuschlagen. 2 Mann gesichert auf das Vorschiff, das Ganze gestaltet sich aber gar nicht so kompliziert. Das ändert sich erst, als einer in den Mast muss, um das Genuafall durchzugeben – das Fall ist zu kurz!!. Also, auf den Zehenspitzen im Bugkorb herumturnen und eine Hilfsleine anschlagen um den Schäkel unten zu halten, damit er nicht wieder in den Höhen Richtung Mastspitze verschwindet.

Zwischendrin ein kurzer Kontrollblick auf den Dieselfilter, der nichts gutes verspricht: Dicker schwarzer Schlamm aus dem Tank in Hülle und Fülle – erstaunlich, dass da noch was durchgeht.

Dieselfilter

Wir sollten also auch aus Sicherheitsgründen unbedingt eine Genua haben. Not macht ja bekanntlich erfinderisch und so entsteht die abgebildete Konstruktion mit Hilfe einer kleinen Metallsäge und einem kleinen Ende. Die Genua lässt sich problemlos wieder setzten. In der Folge wickeln wir die Genua aber nur noch bis auf zwei vollständige Wicklungen, die auf der Schiene bleiben, ab.

In die Nacht hinein ist nun das erste Reinigen des Dieselfilters angesagt, welches ab da regelmäßig zwei mal täglich durchgeführt wird.

Die irische See ist völlig ohne jeden Verkehr, fast den ganzen Tag sehen wir weder Berufsschifffahrt noch Segler.

Das erste Etmal hat über 180 NM, wir sind ob der Leistungsfähigkeit der Yacht erstaunt. Bei ca. 1800 UPM läuft das Schiff ca. 7,5 Knoten. Wie sich dann später herausstellt, liegt der Verbrauch dabei dann tatsächlich bei etwas über 3 Liter/Stunde.

Bis auf eine kurzen Stopp bei Lizzard Point bereits an der Südküste fahren wir Nonstop durch, auch deswegen, weil der Vorbesitzer das Schiff unbedingt sofort aus dem englischen Register nehmen möchte – und ich nicht mit einem abgemeldeten englischen Schiff in einen englischen Hafen einlaufen wollte. Eine Kontrolle mit einem Helikopter nahe Dover überstanden wir jedenfalls ohne weitere Folgen…

Die Fahrt entlang der englischen Südküste war weitgehend ereignislos. Schießübungen der englischen Marine mit ständig wechselnden Sperrgebieten und nächtliche Schleppzüge sorgen für etwas Unterhaltung. Vor Dover frischt dann der Wind wieder auf. Nach Dover bitten wir um Unterstützung bei der Querung des Verkehrstrennungsgebietes, welche sehr freundlich von der Coast Guard gegeben wird.

In die Nacht hinein nähern wir uns unserem Ziel in der Westerschelde. Die Ansteuerung bei Nacht ist nicht empfehlenswert, Unterstützung der Verkehrsleitzentrale gibt es nicht, im Gegenteil höchst gefährliche Anweisungen („go on, no problem“, direkt bevor man von einem Tanker überlaufen wird). Die ganze andere Kommunikation ist auf „belgisch“, kein Wort zu verstehen. Auch unser aktiver Radar-Reflektor (Sea me) beeindruckt die Großschiffahrt anscheinend nicht. Gott sei Dank weigert sich unser Rudergänger, unter den Tanker zu fahren – der hat sich auch gerade noch eine Seemeile von uns entfernt, noch im freien Seeraum- mal eben zum manöverierbehinderten Fahrzeug gemacht, damit er nicht ausweichen muss. Anschließend ändern wir die Strategie und fahren nur noch da, wo Großschifffahrt wegen dem Tiefgang oder Tonnen garantiert nicht fahren kann…

Mitten in der Nacht erreichen wir dann Breskens – keiner da, alle Plätze belegt (Regatta), bei der Tankstelle findet sich noch ein Plätzchen. Nach 614 Seemeilen machen wir in Breskens um 03.25 Uhr nach gut 3 ½ Tagen fest. Etwas müde aber zufrieden, dass die Überführung doch recht problemlos und zügig geklappt hat! Ein Dank an die Mitsegler der Überführungscrew Adi und Felix!